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Wer auf
der indonesischen Insel Bali einen Hund zu befreien versucht, ist
wahrscheinlich Tourist und hat einen leichten Knall, ja genau, und so
schlich ich mich denn nachts durch fremdes dschungeliges Gelände zwischen
die ärmlichen Hütten mit Schweineställen und schlafenden Hühnern. Mein
Vorteil war, dass die balinesischen Anwohner extremen Respekt vor Dämonen
haben. Ich wusste, dass sich nicht mal die Security aus den Edelressorts
allein in die Dunkelheit wagte. Nächsten Tag wollten wir von hier aufbrechen
und es war meine letzte Chance dieses Unternehmen durchzuführen. Da war seit
drei Tagen eine junge Hündin an einen flachen Unterstand gekettet,
eineinhalb Meter Radius. Und dann schallte das seit eben dieser Zeit in
unseren wunderschönen tropischen Garten am Meer, dieses qualvolle heisere
Staccato, stundenlang, ohne Erlösung in die Stille und von so drängender
Not, dass ich irgendwann alle bequemen Ausflüchte und Argumente aufgeben
musste: sich als Reisender nicht einmischen zu sollen in eine fremde Kultur,
sich nicht anmaßen zu wollen, hier eigene, sehr persönliche Maßstäbe
anzulegen. Man würde das Tier eh wieder einfangen und wenn nicht, einen
Nachfolger finden. Und überhaupt ist diese Welt doch sowieso ein einziges
verrücktes Schlachtfeld. Außerdem würde ich mich in einer kriminellen Aktion
wieder finden, der Hund war schließlich fremdes Eigentum.
Es gibt
doch diese Filme, in denen plötzlich alles in gleißendes Scheinwerferlicht
getaucht ist, Hunde losbellen, hektische Befehle gebrüllt und von allen
Seiten Gewehre durchgeladen werden. So schlimm würde es ja nicht kommen,
aber schon peinlich, wenn man mich hier erwischte.
Für
hundert Meter hab ich fast ne Stunde gebraucht. Das Gelände hatte ich mir
tagsüber eingeprägt und die Silhouetten der Hütten waren gegen den Himmel
und das Licht entfernter Laternen zu erahnen. Aber ich blieb auf ein kleines
Wunder angewiesen, ich musste hoffen, dass der Hund nicht anschlägt. Ich war
natürlich bei ihm gewesen, vorher. Hab mich vorgestellt, mich ablecken,
anquieken lassen, ihn in den Arm genommen, beruhigt. Das ganze Programm. Und
wurde beobachtet dabei. Diese jugendliche Hündin war an Menschen gewöhnt,
das war klar. Hab mich erkundigt, sie kam aus Denpasar. Viele junge Hunde
müssen dort zurückgelassen werden, von liebebedürftigen Touristen, am
Flughafen. Und dann gibt es einen Angestellten, der fragt seinen Onkel und
der braucht einen Kettenhund für seine kleine Dschungelfarm. Und sie war
jetzt die Auserwählte. Und ich.
Das
Besondere und Schöne scheint mir im Nachhinein, dass ich, auch als ich mit
der Hündin im Arm in schweigsamer Symbiose zurückpirschte, immer in so einem
fraglosen Zustand war. Es gab gar keine Alternative, als einen Schritt nach
dem anderen zu ertasten, hellwach und aufmerksam, alles Tun ergab sich aus
sich selbst. Ich hätte mich nicht aufhalten können und wollte das natürlich
auch nicht. Es war so eine Notwendigkeit, als wäre ich Teil eines Plans, den
ich mir nicht ausgedacht hatte und den ich auch nicht zu Ende denken konnte.
Ich hatte hier meinen Part so gut es gehen konnte durchzuführen, dafür war
ich verantwortlich, für das Gelingen letztlich jedoch nicht. Und immer auch
fühlte ich mich im Recht oder besser im Richtigen bei dem, was ich tat.
In unserem
Haus zurück, durfte ich nicht bleiben. Ging auch nicht. Der Hund, nun
losgelassen, war zu nervös, schien zu explodieren vor Bewegungsdrang, fing
erst mal an ein Badetuch zu zerlegen. „Du bringst den jetzt sofort zurück,
wir wollen Morgen abreisen in den Süden, die werden ihn suchen, das ist
Diebstahl, die Polizei…“ Ich hatte Margrit nur gesagt, ich würde noch mal
rumlaufen wollen und nun kam ich mit dem Hund zurück. Vorher hatte ich alle
Solidarität in der Entrüstung über die nervende Quälerei im Hinterland, aber
jetzt war das schon was anderes, irgendwie konkret und bedrohlich. Und
zugegeben, ich hatte ja auch kein überzeugendes Konzept. Musste also weiter
ziehen mit meinen einsamen Entscheidungen und dem Hund. Der beruhigte sich
sofort, aufmerksam ergeben, als ich ihn auf den Arm nahm. Dann wieder durch
den Dschungel, hinter den Ressorts entlang. Vorn wachte die Security. Durfte
mich nicht sehen lassen mit dem Tier. Dann endlich, weiter entfernt, konnte
ich ans Meer und bin kilometerweit gelaufen, immer noch mit dem Hund am
Herzen. Hatte die Idee, ihn weit weg abzusetzen, irgendwo hinter einer
meerumspülten Mauer, da würde er mir nicht zurück folgen können. Hab selbst
nicht richtig geglaubt, dass das der Plan sein kann. Aber, wie gesagt, erst
mal einen Schritt nach dem anderen, musste erst mal weg, am Wasser entlang
in die Nacht.
Hinter so
einem besagten Mauerstück, das ins Meer rein ragte und um das ich mit Hund
herumgewatet bin, hab ich sie dann abgesetzt. Zwischen angelandeten
Fischerbooten. Da waren nur diese fahlsilbrigen Reflexionen auf dem
anschwappenden Wasser. Sie verschwand sofort irgendwo ins Stockdunkle, kam
immer wieder wie ein Jojo aus allen möglichen Richtungen zurück und dauernd
hörte ich ihr erregtes Schnüffeln und Hecheln. Es war klar, ich war ihr
Partner, wir waren jetzt ein Rudel und alles war unendlich interessant. Hat
natürlich nicht geklappt, das mit der Mauer im Meer, sie ist mir einfach
hinterher durchs Wasser. Schließlich gehörten wir ja zusammen. Ich war so
erschöpft und auch traurig, weil ich nun wirklich nicht mehr wusste, wie es
weitergehen sollte.
Das war
dann sehr schön, diese romantische Rückwanderung mit Sternenhimmel und
Meergeschwappe und Hundegetrappe. Wollte mich auch nicht mehr verstecken.
Hab mich anleuchten lassen von einem Fischer, der am Strand sein Feuerchen
gemacht hatte und als die Privatgelände begannen, sind wir ganz cool an der
Frontseite und sichtbar beleuchtet entlang geschritten und getrippelt. War
aber kein Nachtwächter mehr auf Posten. Also gut, sollen sie kommen, ich
werde den Hund verteidigen, eine größere Summe bieten, mit Geld soll doch
hier alles möglich sein? Der Hundeeigentümer war aber nie da, nie
erreichbar, irgendwie ein Phantom, egal, der wird ja dann schon erscheinen,
ich steh dazu und werde das irgendwie regeln, notfalls unseren Aufenthalt
verlängern.
Doch jetzt
übernahm die Natur die Spielleitung. Drei wilde Hunde tauchten auf. Hin- und
Hergeflitze, aufgeregtes Gewuffe, dann irgendwann Rückzug, meinetwegen
wahrscheinlich. Und auch mein Schützling verschwand hinter dem kleinen Rudel
her in die Dunkelheit. Hab schon erlebt, wie Fremdlinge gnadenlos aus dem
Revier gebissen wurden. Aber vielleicht hatte meine Hündin ja noch einen
Kinderbonus, irgendwie konnte ich jetzt eh nichts mehr machen, das Heft war
mir aus der Hand genommen. So war es wohl gut.
Jetzt musste ich noch einen Fehler korrigieren, meine Spuren verwischen. Es
sollte aussehen, als hätte sich das Tier selbst befreit. Also hatte ich das
Halsband schon in unserem Haus abgenommen und so präpariert, dass es zu weit
war für den schmalen Kopf der Hündin. Mit größter Anstrengung hätte sie es
sich abstreifen können. Wer da wohl das falsche Loch eingestellt haben
mochte, vielleicht spielende Kinder?
Weiß
nicht, wie man das am treffendsten benennen kann, aber noch mal hab ich die
Natur, das Leben, den Großen Geist angerufen. Hab mich durch das
Halbdickicht zwischen die Hütten geschlichen und das Halsband wieder an den
Karabinerhaken gehängt, der am Ende der Eisenkette befestigt war, dann die
Kette extrem gespannt und so hingelegt, dass es aussah, als hätte der Hund
daran gezerrt. Die Hühner und Schweine hatten mich schon bemerkt auf meinem
Schleichpfad, haben aber wieder mitgespielt und sich nicht sonderlich
erregt. Die Natur muss auf meiner Seite gewesen sein, in dieser Nacht. Hatte
den Mückenschutz vergessen, war drauf eingestellt, wie ein blutiger
Streuselkuchen aus dem Dschungel zurückzukehren. Und, das ist vielleicht
nebensächlich, aber für mich war es doch ein kleines Wunder, ich habe nicht
einen einzigen Moskitostich aus dem Dickicht davongetragen. Als hätte die
Natur mich in den Arm genommen, so wie ich den Hund.
Als wir
dann vier Stunden später bei unserer Freundin in ihrer edlen Aquahealing Anlage, die sie mit viel Liebe und Geschmack fast vollendet
hatte, zum Frühstück erschienen, war das Tier schon dort gewesen. Es sei auf
ihrem Grundstück hin und hergelaufen und es habe sich nicht einfangen
lassen, sie habe es erst anlocken, dann auf den Arm nehmen und über das
Mäuerchen hieven müssen. Die Kleidung sei schmutzig geworden. Sie habe sich
umziehen müssen. Beim gemeinsamen Frühstück fragte ihre Praktikantin in das
etwas angespannte Schweigen hinein, was denn nun aus dem Hund werden solle.
Ich habe nicht gewagt zu sagen, dass dies ja auch ein wenig bei ihr liegen
könne. Wollte die Verantwortung nicht abschieben. Wäre auch nicht fair
gewesen. Hab nur gesagt, dass er sich halt jetzt durchschlagen muss, wie
alle die streunenden Hunde hier. Er hat jetzt die Chance für ein Leben in
Freiheit und Sterben sei aus meiner Sicht alle Mal besser als lebenslange
Folter. Konnte nur noch wenigstens drauf hinweisen, dass selbst ihre Chefin
von sich aus die Möglichkeit des Handelns ins Gespräch gebracht hatte. Sogar
wörtlich und mit verschwörerischem Lächeln: „Vielleicht doch eine
Befreiungsaktion starten?“ Mir war wirklich nicht klar, dass es sich hier
allenfalls um ein geistiges Abenteuer hätte handeln dürfen. Um ein
Gedankenexperiment so zu sagen. War ehrlich überrascht, auf wie viel
Befremden und Distanz ich nun stieß. Bis zu unserer Abreise um elf Uhr fand
jedenfalls keine Suchaktion von Seiten des Hundebesitzers statt. Ich denke,
dazu gilt ein Hundeleben doch zu wenig und wer weiß, welcher Dämon in das
Tier gefahren sein musste, dass es sich selbst befreien konnte oder
vielleicht hatte es sich ja inzwischen den Tollwuterreger eingefangen und
war gar nicht mehr zu gebrauchen.
Es gab
dann noch einen magischen Augenblick, als ich sie sah. Es war am Strand, als
ich Abschied nehmen wollte. Sie streifte mit ihrem federnden, elastischen
Trab am Wasser entlang, die Schnauze dicht am Boden, entfernte sich und
verschwand zwischen Fischern, die hundert Meter weiter am Boden hockten, in
den Dschungel. Ich hatte einen kurzen Impuls sie zu rufen, ihr hinterher zu
laufen, dachte dann aber, dass es gut so war. Wenn es ihr gelingen sollte,
sich Nahrung aus dem Abfall der Hinterhöfe, aus dem Müll in den
Regenwasserabläufen zu beschaffen, dann musste sie jetzt damit anfangen und
sich nicht auf einen barmherzigen Essenspender verlassen. Ich würde weg sein
und zwischen den Buddhastatuen und heilenden Wassern war sie nicht
erwünscht.
Vielleicht
ist sie jetzt tot und würde angekettet noch leben. Warum habe ich keinen
Zweifel, selbst dann das Richtige getan zu haben? Und woher dieses Gefühl,
nicht nur ich habe den Hund, auch hat er mich auf seltsame Weise befreit in
unserer gemeinsamen Aktion? Und warum fällt mir dabei die Variante drei ein,
an die ich nicht glauben will: Wieder eingefangen und angekettet am
Unterstand und alles vergeblich?
Alexander,
zurück aus Bali, 28.02.2010
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